Joan Ali: eine Flüchtlingsgeschichte.

Seit Juni 2015 leben 36 Männer, Frauen und Kinder aus
Syrien in den Pfarren Linz-St. Peter und St. Michael. Einer davon ist Joan Ali (22). Er konvertierte sogar vom Islam zum Christentum: “Weil hier Nächstenliebe, Hilfe und das Miteinander im Vordergrund stehen.” Aber auch seine Liebe zu Österreich, der Kultur und unseren Werten will er so zeigen.

Joan Ali ist Kurde aus dem nördlichen Teil Syriens. In seiner Heimatstadt herrscht derzeit zwar kein Krieg, aber als ihn die syrische Armee einziehen wollte, ergriff der 22-Jährige die Flucht: „Ich sollte in den Krieg, wo jeder gegen jeden kämpft, ziehen. Aber das wollte ich nicht, denn ich bin Student und kein Soldat. Und schon gar nicht will ich Menschen töten und Teil dieses Wahnsinns sein – egal auf welcher Seite. Ich will meinem Land durch Wissen und Bildung dienen, aber nicht mit einem Gewehr.“ Außerdem seien Kurden in Syrien Menschen zweiter Klasse: „Als Kurde darfst du eigentlich gar nichts. Obwohl ich in Syrien geboren bin, bekam ich nicht mal einen eigenen Pass. Erst 2011 haben wir wegen bevorstehender Wahlen Dokumente bekommen.“ Der Militärdienst wird für junge Kurden zudem zur unendlichen Geschichte. Dieser dauert gewöhnlicherweise 15 Monate: „Im Kriegsfall gibt es aber keine zeitliche Begrenzung und erst den Tod als Ende“, erzählt Joan.

Österreich am T-Shirt – und im Herzen: "Ich liebe meine neue Heimat!"

Österreich am T-Shirt – und im Herzen: “Ich liebe meine neue Heimat!”

Joan hat für seine Flucht so wie viele andere ein Vermögen bezahlt: 8.500 Euro waren es, die er an Schlepper abdrückte. „Ich habe dafür alles verkauft, was ich hatte. Auch ein kleines Grundstück, das ich von meinen Eltern bekam und auf dem ich ein Haus für meine zukünftige Familie bauen wollte.“ Über Türkei, Bulgarien, Ungarn und Serbien kam er zu Fuß und teils auf der Ladefläche eines LKW nach Österreich – sieben Tage lang ohne Essen und Schlafen. Mit dabei hatte er lediglich eine kleine Tasche mit dem Allernötigsten – keine Erinnerungen, keine persönlichen Sachen.
Seine erste Station in Österreich war Mitte Mai 2015 das Flüchtlingslager in Traiskirchen, nach einer weiteren Woche wurde er nach Linz gebracht, wo er seit sieben Monaten auf seinen Asylbescheid wartet. Joan lebt derzeit mit drei anderen Flüchtlingen in einem Zimmer in der Pfarre St. Peter.

Als Zeichen seiner Verbundenheit und Bereitschaft der Integration hat sich Joan Ali entschlossen, den christlichen Glauben anzunehmen: „Der Islam ist eine gute Religion, aber viel zu komplex und verschlossen. Ich war im Herzen immer schon ein Christ, weil dieser Glaube viel freier und offener ist.“ Einwände von seinem Vater, einem überzeugten Moslem, gab es nicht – im Gegenteil: „Er sagte nur „Es ist dein Leben und deine Zukunft, mache das Beste aus dir.“ Und als „Beweis“ hat Joan sogar schon Schweinefleisch gegessen: „Wunderbar“ habe es geschmeckt, lacht Ali.

Vor dem AEC in Linz: "Linz ist für mich die schönste Stadt der Welt!"

Vor dem AEC in Linz: “Linz ist für mich die schönste Stadt der Welt!”

Mit seiner Familie in Syrien hat Joan immer wieder Kontakt: „Dank WhatsApp und Skype funktioniert das trotz der Entfernung sehr gut.“ Nachkommen wollen sie aber nicht: „Meine Eltern und die vier Geschwister machen das Beste aus ihrer Situation. Derzeit ist alles ruhig, aber man lebt von Tag zu Tag und weiß nicht, was morgen geschieht. Eine extrem belastende Situation für uns alle.“

Joan spricht perfekt Englisch, dazu Kurdisch und Arabisch: „Und auch bald Deutsch“, sagt er bereits nahezu akzentfrei. Für ihn wäre daher ein Job als Übersetzer denkbar: „So kann ich anderen Menschen helfen.

Nicht nur Helfer und Flüchtling, sondern auch Freunde Freunde fürs Leben: Joan Ali und Pfarrer Franz Zeiger

Nicht nur Helfer und Flüchtling, sondern auch Freunde Freunde fürs Leben: Joan Ali und Pfarrer Franz Zeiger

Ob er denn die Angst vieler Menschen in Österreich verstehen kann, wenn plötzlich solche Massen an Asylsuchenden zu uns strömen? „Es ist ganz normal. Wenn in mein Land auf einmal so viele Fremde kommen würden, hätte ich auch Ängste und Sorgen. Aber der Großteil kommt, um in Frieden zu leben und den Österreichern etwas zurückzugeben.“ Leider gibt es auch einige, die nur wegen des Geldes kommen und Probleme machen, sagt Joan: „Das fällt leider auf die vielen Menschen, die wirklich auf der Flucht sind und dringend Hilfe benötigen, zurück.“

Und weil derzeit oft von Asyl auf Zeit die Rede ist – irgendwann wieder nach Hause, „heim“ nach Syrien zu gehen, ist für Joan keine Option: „Ich habe fast 22 Jahre in Syrien gelebt. Es gab keinen einzigen Tag, an dem ich eine Zukunft sah, es wurde jeden Tag schlimmer.“ Seine alte Heimat vermisst Joan daher nicht: „Als Kurden waren wir keine Syrer – und einen eigenen Staat werden die Kurden wohl nie bekommen. Vor dem Krieg wollten uns die arabischen Syrer nicht – und jetzt hätten wir für sie kämpfen sollen.“ So etwas wie Heimweh kommt daher gar nicht richtig auf bei ihm.

Joan als vierjähriger Lausbub in der regionalen Tracht.

Joan als vierjähriger Lausbub in der regionalen Tracht.

Was gefällt einem jungen Syrer wie Joan Ali an Österreich ganz besonders? Interessanterweise genau das, worüber vielen Österreicher gern mal schimpfen: „Der klare Tagesablauf und das durchdachte System in allen Bereichen. Etwa die fixen Termine bei Ämtern, Ärzten oder im Beruf: „Wenn man in Syrien einen Termin um zehn Uhr ausmacht, kann es auch sein, dass der andere erst um halb eins daherkommt, das wäre in Österreich undenkbar.“ Auch das freie Leben, wie wir es kennen, ist in Syrien unbekannt: „Für junge Leute ist es praktisch unmöglich, dass sie sich treffen oder ausgehen.“
Ein anderes Beispiel: „Wenn du in Österreich studierst, hast du eine Zukunft. In Syrien hast du selbst mit einem Uni-Abschluss gar nichts. Selbst ein Lehrer verdient dort nur 250 Euro im Monat.“ Für Österreich ist Joan voll des Lobes: „Die Leute hier sind freundlich, hilfsbereit, offen – und vor allem Menschen. Davon kann die ganze Welt etwas lernen.”

Traurig machen Joan Ali die Anschläge in Paris: „Ich verurteile diese unfassbaren Verbrechen auf das allerschärfste. Das ist eine schreckliche Tragödie. Der IS hat nur das Ziel, mit diesen blutigen Terrorakten Europa zu spalten und das friedliche Miteinander von Europäern und Flüchtlingen zu zerstören. Ich hoffe, der IS ist bald am Ende.“

 

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