“Christen achten viel weniger auf die Gebote und gehen immer seltener in die Kirche”

Aufgrund umstrittener Aussagen zur Rolle der Frau geriet der Vorsitzende der Muslime in Oberösterreich, Murat Baser, in die Kritik. Auch wir plauderten vor einigen Wochen mit Baser. Im Talk ortet er trotz allem viele Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen.

Murat Baser, wie große ist die islamische Gemeinschaft in Linz und Oberösterreich?        
Im gesamten Bundesland gibt es 36 islamische Vereine, die bei uns registriert sind, in Linz sind es etwa zehn. In Zahlen ausgedrückt: ca. 20.000 Muslime in Linz und etwa 90.000 in Oberösterreich.

Murat Baser: "Gewalt hat mit Ethnie und Religion nichts zu tun."

Murat Baser: “Jeder macht Fehler.”

Wie steht‘s um das aktuelle Befinden der muslimischen Gemeinschaft in Linz?    
Im Vergleich zu Wien haben wir sehr wenige Probleme. In Linz läuft alles sehr gut, auch politisch. Wir stehen mit allen Parteien in einem konstruktiven Dialog.

Auch mit der FPÖ? Oder gibt es hier von irgendeiner Seite Berührungsängste?
Nein überhaupt nicht. Das Verhältnis ist sehr entspannt. Wir haben uns sogar schon gegenseitig besucht und laden uns regelmäßig zu verschiedenen Veranstaltungen ein.

Wie oft müssen Sie sich für Verbrechen und Terroranschläge rechtfertigen, obwohl Sie gar nichts dafür können?  
Wir müssen uns leider ständig erklären. Irgendwo auf der Erde macht ein Muslim einen Fehler und wir sind schuld. Viele von uns leben seit 40 Jahren in Österreich, dennoch müssen wir uns ständig für die Taten der ISIS rechtfertigen. Durch den medialen Druck sagen jetzt auch Leute, die wir schon seit vielen Jahren kennen „Ihr seids alle Terroristen.“

Passiert es in Linz sehr oft, dass Sie auf der Straße dumm angesprochen werden?
Meine Frau wurde zum Beispiel kürzlich bei einer Roten Ampel angespuckt. Es waren drei Männer. Sie haben die Scheibe ihres Autos heruntergelassen, sie zuerst angeschrien und dann bespuckt. Aber dennoch: Im Vergleich zu anderen Großstädten passiert das in Linz zum Glück ganz selten.

Und Ihre Reaktion darauf?    
Ich käme nie auf die Idee, jetzt alle Österreicher dafür zu verurteilen, denn das waren nur drei Dummköpfe. Umgekehrt werden aber alle Muslime immer wieder in einen Topf geworfen. Gewalt hat mit Ethnie und Religion nichts zu tun. Jeder macht Fehler.

Es ist aber Tatsache, dass fast alle Terroranschläge der letzten Jahre im Namen des Islam verübt wurden.     
Schauen Sie sich die weltweiten Problemzonen an: Syrien, Palästina, Afghanistan, Pakistan, Irak… alle diese Gebiete waren in den letzten 20, 30 Jahren ständig im Krieg – mit Russen, Amerikanern, Europäern. Immer nur Krieg, Bomben, Tod, Zerstörung. Man hat ihnen ihr Öl weggenommen, die Infrastruktur zerstört, die Wirtschaft ist am Boden, die Jungen haben keine Ausbildung bekommen. Wenn man alles zusammenzählt, bleiben nur Hass und Gewalt übrig. Alleine im Irak-Krieg sind bis zu zwei Millionen Menschen durch westliche Bomben gestorben, im Bürgerkrieg in Syrien starben bisher 500.000 Menschen, drei Millionen sind auf der Flucht: Natürlich schwappt dieser Krieg und diese Unzufriedenheit irgendwann mal nach Europa.

Haben Sie trotzdem Verständnis für die Terrorangst in Österreich?    
Ja natürlich, vor allem wenn Sie täglich die Bilder in den Medien geliefert bekommen und dann noch mitten in Europa ein Anschlag passiert. In den arabischen Ländern starben Millionen Menschen, auch jetzt noch kommen täglich hunderte Unschuldige durch Anschläge und Kriege ums Leben. Der Westen muss sich wirklich mal ernsthaft Gedanken machen, wie es der zivilen Bevölkerung dort geht. Die größten Opfer von ISIS und all den Kriegen sind Muslime, das sollte man nicht vergessen.

Wie beurteilen Sie das Eingreifen des Westens in vielen arabischen Krisenherden?
Die Amerikaner haben zwar den einen oder anderen Tyrannen vertrieben, aber überall, wo sie waren, Tod, Chaos und Terror hinterlassen. Und der Preis dafür war ein Wahnsinn: Seit dem Anschlag vom 11. September 2001 sind acht Millionen Menschen gestorben, fast alle davon waren Muslime.

Warum gibt es eigentlich so viele unterschiedliche, teilweise extreme Auslegungen des Koran?   
Wenn man nur einzelne Passagen des Korans liest, gibt es natürlich Interpretationsmöglichkeiten. Auch in der Bibel gibt es unzählige Stellen, die man ins Gegenteil interpretieren könnte. Es gibt so viele Verse, die genau sagen, worum es geht – und die auch nicht uminterpretiert werden können. Nur werden die von den Medien leider nie zitiert. Ein Beispiel: „Wer zu seinem Nächsten nicht barmherzig ist, dem ist Gott nicht barmherzig“, oder „Es ist die Wahrheit von eurem Herrn: Darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“

Gibt es etwas, das ein Christ von einem Muslim lernen kann?    
Christen achten viel weniger auf die Gebote und gehen auch immer seltener in die Kirche. Das ist sicher ausbaufähig.

 

 

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1 Antwort

  1. Sie sind Worte der Fundamentalisten eigentlich: “Christen achten viel weniger auf die Gebote und gehen auch immer seltener in die Kirche. Das ist sicher ausbaufähig.” Was meint er eigentlich? Sollen wir christliche Scharia einführen. Solche Menschen bereiten den Weg für die Radikalisierung der jungen Menschen vor.
    ” Natürlich schwappt dieser Krieg und diese Unzufriedenheit irgendwann mal nach Europa.” wie sollen wir das bitte verstehen? Das ist nicht anderes als Bejahung der Terroranschläge in Europa.
    “Der Westen muss sich wirklich mal ernsthaft Gedanken machen, wie es der zivilen Bevölkerung dort geht.” das ist wieder eine andere Bedrohung.
    Wissen diese Journalisten wirklich nicht, mit wem sie reden? Dieser Mann ist ein Oberfundamentalist.

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